Buchpremiere in Warschau

Layout 1Nach langem Warten erscheint „Fräulein Esthers letzte Vorstellung“ diesen Monat beim Posener Verlag Media Rodzina. Dass dieser besondere Titel nun auch auf Polnisch zugänglich sein wird, freut uns umso mehr, als die Buchpremiere in Warschau stattfindet, in Janusz Korczaks Waisenhaus. Die Veranstaltung wird durch die Robert Bosch Stiftung gefördert, im Rahmen des „Grenzgänger“-Programms.

Buchtrailer – Fräulein Esthers letzte Vorstellung

Esther_Buchtrailer_BUnbeeindruckt von den Verlockungen des Sommers arbeiteten wir im stillen Kämmerlein an einem Buchtrailer für „Fräulein Esthers letzte Vorstellung“. Es ist das erste Mal, dass wir uns an ein solches Projekt heranwagten. Natürlich mit professioneller Hilfe. Das Ergebnis kann sich – wir hoffen, Ihr teilt unsere Einschätzung – sehen und … hören lassen. Die schöne Musik stammte von James McConnel (Universal Music) und Frédéric Sans (Kapagama).

Fräulein Esther … So sah sie in Wirklichkeit aus

schlüsselloch300Da sich die Arbeiten an Fräulein Esther – zwischen Fakten und Fiktion doch etwas in die Länge ziehen, gestatten wir unseren Lesern einen Blick durchs Schlüsselloch. Dahinter … Fräulein Esther als junges Schulmädchen, noch lange vor dem Krieg. Keck, ohne jede Scheu blickt sie in die Kamera, ein Löwenbaby fest umklammernd.

Dieses einzige erhaltene Bild von Fräulein Esther tauchte erst diesen Sommer auf, als Fräulein Esthers letzte Vorstellung bereits gedruckt war …* Entstanden war es aller Wahrscheinlichkeit nach im Warschauer Zoo, dessen Direktor, Jan Żabiński, ein Jahrzehnt später den aus dem Warschauer Ghetto entflohenen Juden Unterschlupf gewähren sollte. Die Flüchtlinge lebten mehrere Jahre inmitten all dieser wilden Tiere, deren scharfe Krallen und Zähne – so seltsam es auch zunächst klingen mag – sie vor ihren Verfolgern beschützten. Vielleicht war er auch dabei. Fräulein Esthers Löwe …

* Wir danken der Leiterin des Korczakianums, Frau Marta Ciesielska, für die freundliche Überlassung des Bildes.

Fräulein Esther …

1Über die junge Erzieherin aus Janusz Korczaks Waisenhaus ist nur wenig bekannt. Dank Korczaks Ghetto-Tagebuch wissen wir allein, dass sie die Theathergruppe leitete, die im Sommer 1942, wenige Wochen vor der gewaltsamen Auflösung des Dom Sierot, Rabindranath Tagores Drama „Das Postamt“ aufführte. Und dass sie von einem schönen Leben träumte. Einem Leben „weder lustig noch leicht“. Eine Kollegin beschreibt sie als eine „unscheinbare” junge Frau, ein wenig ernst und gedankenverloren. Ihr hervorstechendstes äußerliches Merkmal – eine riesige Hornbrille und dichtes, schulterlanges Haar. Unglücklicherweise blieb kein Foto von ihr erhalten. Und so haben Schwarz-Weiß-Bilder junger Erzieherinnen, die vor und während des Krieges in jüdischen Waisenhäusern arbeiteten, den Autoren dieses Buches als Inspiration dienen müssen. Weitere Bilder hier.

 

Mitten im Buch ein Fenster …

internetTeil der dreiteiligen Allonge, die Korczaks Waisenhaus in der Krochmalna-Straße für einen kurzen Moment auferstehen lässt, um dem Betrachter nach dem Öffnen der Seitenflügel einen Blick in sein Inneres zu gestatten. Auf 100 Kinder, Herrn Doktor, Frau Stefa und … Lutek, der seine Geige nie aus den Händen gibt. Nicht einmal im Schlaf.

Ein Blick hinter die Kulissen

a1Während “Fräulein Esther” langsam die Bücherregale erklimmt, gibt es hier einen Bericht über das letzte Stück ihres langen Weges. Vierzehn Fotos, die ahnen lassen, wieviel Arbeit auch in “modern times” in einem Buch steckt. Wir danken unserer Druckerei GRAFICHE AZ und der Buchbinderei LEGAPRESS für das schöne Ergebnis und dafür, dass sie uns hinter die Kulissen haben blicken lassen.

Es ist soweit!

Esther_DruckDa Fräulein Esthers letzte Vorstellung bereits in drei Wochen, am 17. Juni, erscheint, gibt es als kleinen Vorgeschmack dieses Bild, das die Proofs zeigt. Licht ist nicht gleich Licht, und so haben wir sie strengstens unter die Lupe genommen. Draußen im gleißenden Sonnenschein, innen bei halb heruntergelassenen Jalousien … So oder so, das Ergebnis ließ sich blicken. Grünes Licht für die Druckerei … Mehr informationen über das Buch hier.

Allonge

Besonders stolz sind wir auf die Allonge, die das Herzstück unseres Buches sein wird. Gabriela Cichowska hat sehr lange an dieser Illustration arbeiten müssen. Unzählige Gesichter, minutiös gezeichnet … Unten mein Storyboard.

Über die Arbeit am Storyboard

Im Folgenden eine Serie von Bildern, die Gabriela Cichowska anhand meines Storyboards gestaltet hat. Unten zum Vergleich meine Collagen. Sie entstanden auf der Grundlage von historischen Fotografien, Standbildern und diversen “Schnipseln”, die ich im Laufe meiner Recherchen zusammengetragen hatte. Sie sind natürlich nicht schön, erlaubten aber eine reibungslose Kommunikation zwischen der Illustratorin und mir.

Fräulein Esthers letzte Vorstellung

frl_esther_cover_234x300pxEin Buch über die letzten drei Monate des Waisenhauses von Janusz Korczak, in dessen Zentrum nicht etwa der Alte Doktor steht, sondern die namenlosen Kinder und Erzieher des Dom Sierot, aber auch jene Menschen, deren Schicksal besonders schwer auf Korczaks Herzen lastete: die Straßenkinder des Warschauer Ghettos.

Und so ist Fräulein Esthers letzte Vorstellung unvermeidbar ein trauriges Buch, das von Leiden, Hunger, Krankheit und Tod spricht, aber auch von der Hoffnung auf ein besseres Morgen, – einer Hoffnung, dass sich – der erdrückenden Realität des Krieges zum Trotz – in den unscheinbaren Ritualen des Alltags manifestiert: im Pflanzen von Blumen, im Hebräisch-Unterricht, im Morgengebet, im samstäglichen Wiegen, im Tagebuchschreiben und in der Beschäftigung mit der Kunst …

Um dies alles glaubhaft zu beschreiben, habe ich mich entschlossen, das Geschehen aus zwei Perspektiven darzustellen: aus der Perspektive Korczaks, der auf seinen täglichen Gängen durch das Ghetto das Elend der Menschen schmerzlich nah erlebt, und aus der Sicht eines seiner Zöglinge, der 12-jährigen Genia, die uns aufgrund der erzwungenen Isolation hauptsächlich einen Einblick in den Alltag des Dom Sierot gewähren kann, die aber – wie jedes dieser Kinder – die grausame Realität osmotisch, durch die dicken Mauern hindurch wahrnimmt.

Ich hatte das Glück, mit Gabriela Cichowska eine hochtalentierte Illustratorin für dieses Buchprojekt zu gewinnen, die bereit war, das von mir entworfene Storyboard künstlerisch umzusetzen. Da dieses zum Teil auf historischen Aufnahmen basiert, die – dies kann nicht deutlich genug unterstrichen werden – Menschen aus Fleisch und Blut zeigen, bestand die Herausforderung darin, Ausdrucksmittel zu finden, die es erlauben würden, die Realität eindringlich darzustellen, und doch mit dem gehörigen Respekt für jede der abgebildeten Personen.

Als besonders schwierig erwies sich die Frage: Wie eine Erzählung beenden, deren tragisches Ende sich jeder Beschreibung entzieht und das doch in aller Klarheit benannt werden muss? Da eine bildliche Darstellung dessen, was am 6. August 1942 geschah, für mich nicht in Frage kam, entschloss ich mich, das Buch am Abend der Aufführung von Tagores „Postamt“ enden zu lassen, in einem Augenblick, wo Korczaks Kinder in ihrer Begeisterung über das Schauspiel für einen flüchtigen Augenblick vergessen, was vor der Tür geschieht. Wir sehen noch Genia, wie sie, wach geworden, in ihrem Bett von ihrer Zukunft als Tänzerin träumt. Ein Vorhang schiebt sich langsam hoch. Der letzte Blick, der uns gewährt wird, zeigt den leeren Schlafsaal und eine halboffene Tür. Es scheint, als ob die Kinder diesen Raum soeben verlassen hätten …